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Nr. 29, Boheme im Bankhaus –
Das Unternehmen Mitte in Basel

Feuilleton - Die Zeit, erschienen 11. März 2010

"Wir sind besser als unser Ruf!"

Ach, ihr Deutschen. Was wisst ihr nicht alles über uns Schweizer. Aber wisst ihr auch, dass die Schweiz lässig ist? Dass es ziemlich viele Orte gibt, die ebenso gut nach Hamburg oder Berlin passen würden, falls das ein Maßstab ist? Auch wenn der Latte Macchiato in Hamburg oder Berlin zugegebenermaßen nur halb so teuer wäre...

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© Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche kommerzielle oder nichtkommerzielle Nutzung, auch auszugsweise und in elektronischen Medien, nur mit schriftlicher Zustimmung der Autorin.

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Nr. 32, Literatur und Limalama –
Die Schweizer Hochseekapitänin Magdalena Zschokke

Porträt - swiss Magazine, erschienen 29. September 2010


Als junges Mädchen hat Magdalena Zschokke die Schweiz verlassen und ist als Kapitänin zur See gefahren. Nach einem Sturm ist sie an Land gegangen und sesshaft geworden - als Schriftstellerin und Kampfkünstlerin in Kalifornien

Dass sie jetzt Kalifornierin ist, merkt man, wenn Magdalena Zschokke ein Erfrischungsgetränk bestellt. Sie wählt keinen Kaffee und keine Cola. Sie nimmt den "Iced Bubble Tea". Ein Plastikbecher voller durchsichtigen Gebräus, in dem erbsengrosse, gummige Kügelchen schwimmen. "Das ist Tapioka. Es ist sehr gesund und wenn man sich daran gewöhnt hat, schmeckt es erfrischend", sagt die drahtige, blonde Frau. "Willst du mal probieren?"

Wir stehen an einer der vielen Verkaufsbuden am Santa Cruz Boardwalk. Das ist ein über hundertjähriger Vergnügungspark am Strand des kalifornischen Küstenstädtchens. Hin und wieder kommt Magdalena Zschokke hierher in den Trubel von Riesenrad, Schwebebahn und Eiscremeständen. Meist bevorzugt sie den Strand aber ohne bunte Lichter. "Das Meer bedeutet Klarheit und Einfachheit." Die gebürtige Schweizerin weiss, wovon sie spricht. Zwölf Jahre hat sie auf hoher See verbracht, ohne festen Wohnsitz an Land. Es war die wichtigste Zeit ihres Lebens.

Geboren wurden Magdalena Zschokke 1950 in Bern. Als Studentin ging sie für ein Austauschsemester nach Neuseeland. Dort lud sie ein Bekannter auf einen Segeltörn zu den Fidji-Inseln ein. Danach wusste sie: Auf dem Meer fühlt sie sich wohler als in den Bergen. Sie ging nicht mehr zurück in die Heimat. In Florida besuchte Magdalena Zschokke die Kapitänsschule. "Im Kurs waren wir 22 - ich und einundzwanzig Kriminelle." Das erzählt sie mit trockenem Humor. Sie ist niemand, der sich mit seinen Abenteuern brüstet. Als Charterkapitänin fuhr sie danach 12 Jahre auf der "Fairwinds", die sie nur "das Boot" nennt, in die Südsee, nach Alaska, nach Puerto Rico. "Sie war ein wunderschöner Jollenkreuzer aus afrikanischem Mahagony, 1953 in Bremen gebaut." Alles, was Magdalena Zschokke besass, passte in einen Seesack. Sie fühlte sich frei und leicht. "Wenn man nach vielen Wochen auf See an Land geht, sind die Farben und Töne viel intensiver. Das ist wie ein Rausch."

1986 geriet sie in einen dreitätigen Sturm, der sie fast das Leben kostete. Sie schwor, dass sie sich vom Wasser fernhalten würde, wenn sie überlebte. Das tat sie. Wegen der Uni entschied sie sich für Santa Cruz in Kalifornien. Seither beginnen viele ihrer Erzählungen mit denn Worten: "Als ich das Boot verliess…"

Mit dem Auto braucht man nur wenige Minuten vom Strand zu Magdalenas heutigem Zuhause. In Santa Cruz teilt sich die Kapitänin ein Haus und einen weitläufigen Garten mit ihrer Lebensgefährtin Connie. Diese wohnte hier einst mit Ehemann und Kindern. Nun ist alles auf die Bedürfnisse der beiden Frauen eingerichtet. Für Magdalena Zschokke bedeutet das zwei kleine Holzhäuschen im Garten - eng und gemütlich wie Kajüten. "Eines zum Schreiben und eines zum Schlafen". Hier ist es ihr wohl. Im Haus fühlt sie sich eingeengt. Der Garten mit seinen Holzbrückchen und Steinhügeln strahlt die Harmonie des Zen aus. Das asiatische Element kommt von Connie, die im Chinatown von San Francisco aufwuchs. Wer genau hinsieht, findet halb verborgen unter Blätterkissen chinesische Teeschalen und sogar Teekannen. "Die sind beim grossen Erdbeben 1989 aus dem Schrank gefallen und wir fanden es schade, sie wegzuwerfen", lacht Magdalena.

Die Umstellung auf ein Dasein an Land fiel Magdalena Zschokke nicht leicht. "Auf See hat alles, was du tust, einen unmittelbaren Sinn. An Land ist alles so viel komplexer und vieldeutiger." Daran konnte sie sich lange nicht gewöhnen. Aber zwei Dinge haben ihr geholfen, auf dem festem Boden anzukommen: Literatur und Limalama. Als sie vom Boot Abschied genommen hatte, fing sie mit dem Schreiben an. "Es war, als würde ich das reale Leben zuerst auf dem Papier ausprobieren." An der Uni von Santa Cruz promovierte Magdalena Zschokke 1994 über Vampire in der Literatur. Zwei Jahre später erschien ihr erstes Buch, ein Krimi. Ungefähr zur gleichen Zeit begann sie in einem Martial Arts-Studio Limalama zu trainieren. Diese Kampfkunst hat ihre Wurzeln in Polynesien. Neben der Beherrschung von Geist und Körper spielt dabei auch der Gebrauch von Messern eine Rolle. Seit kurzem hat Magdalena Zschokke den Schwarzen Gurt und gibt Limalama als Selbstverteidigungstechnik an traumatisierte Frauen und Mädchen weiter. "Das ist jetzt eine meiner wichtigsten Aufgaben."

2000 erschien ihr zweites Buch, das unter dem Titel "Das Geheimnis des Salzfelsens" auch auf Deutsch übersetzt wurde. Magdalena Zschokke selbst spricht seit Jahren nur noch Englisch. Sie schreibt auch in dieser Sprache. "Mein Schweizerdeutsch ist eingeschlafen." Nur im Kontakt mit ihren Brüdern, dem Schriftsteller Matthias Zschokke und dem Filmemacher Adrian Zschokke, benutzt sie es noch.

Wird die Kapitänin noch einmal in See stechen? "Wahrscheinlich nicht", sagt Magdalena Zschokke. Auch wegen Connie, die gerne zuhause bleibt. Aber die heute 60jährige Zschokke hat eine Methode gefunden, wie sie der Sehnsucht trotzdem nachgeben kann: Vor der Tür steht ein beeindruckendes Campingmobil. "Damit bin ich schon einmal fast durch ganz Amerika gefahren."

Hausfrauenleben als Phantasie

Gegenwärtig arbeitet Magdalena Zschokke an ihrem siebten Roman, ihrem schwersten bisher, wie sie sagt. "Ich schreibe aus der Perspektive einer Frau meines Alters, die ihr ganzes Leben als Hausfrau und Mutter in der Schweiz verbracht hat." In der Literatur probiert sie ein Leben aus, das auch ihres hätte sein können, wenn sie nicht als junges Mädchen in den Bann des Meeres geraten wäre. "Es kostet mich jeden Morgen Überwindung, mich dieser Phantasie auszusetzen."

Inzwischen färbt die Abendsonne den Zen-Garten rot. Vor Magdalena Zschokkes Schreibhäuschen liegt eine Fussmatte mit Totenkopfmotiv. Sie hat sie von ihrer Freundin Milena Moser geschenkt bekommen. Die bekannte Schweizer Schriftstellerin lebte einige Jahre in San Francisco. In dieser Zeit haben die beiden Frauen Freundschaft geschlossen. Milena Moser wird möglicherweise auch den nächsten Roman von Magdalena Zschokke ins Deutsche übersetzen. "Sie dachte, die Fussmatte wäre ein lustiger Witz, der auf eine Piratenflagge anspielt", sagt Magdalena Zschokke. "Aber der Totenkopf leuchtet im Dunkeln, und als ich ihn zum ersten Mal so sah, habe ich mich fast zu Tode erschrocken." Aber eine Abenteurerin wie Magdalena Zschokke lässt sich nicht so leicht erschüttern. Immerhin hat sie die Weltmeere besiegt. Und jetzt hat sie eine eigene Fussmatte. Es sieht so aus, als ob die Kapitänin endgültig an Land angekommen ist.

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Nr. 41, Gott wohnt neben Aldi –
Andachtsräume in Shopping Malls

Reportage - Die Zeit, erschienen 11. August 2011

Ein Andachtsraum mitten in einer Shoppingmall? Das passt nicht zusammen. Und doch gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz einige Einkaufszentren, die Platz für die innere Einkehr bieten

Vom Himmel aus stellt sich die Situation folgendermaßen dar: Da steht ein riesiger Bau mit dem Grundriss eines Kreuzes. Daneben steht ein kümmerliches Häuschen mit dem Grundriss eines verbeulten Kreises. Von dem großen haben in Deutschland die meisten Menschen schon einmal gehört. Es ist das CentrO in Oberhausen. Die umsatzstärkste Shoppingmall der Republik, errichtet auf den Trümmern der untergegangenen Schwerindustrie. Auf dem Gelände »Neue Mitte«, wo heute neben dem Einkaufstempel ein Freizeitpark, ein Multiplexkino und ein Dutzend Restaurants untergebracht sind, wurden Anfang der neunziger Jahre die letzten Hochöfen abgerissen...

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Nr. 54, Liebe ist Luxus. Etwas für reiche Schweizer –
Gespräch über Stricher

Interview - Basler Zeitung, erschienen 18. November 2012

Im Buch „Männer kaufen" von Oliver Demont erzählen Stricher aus ihrem Leben.

Das Buch heisst „Männer kaufen" und handelt von Strichern und Freiern. Dafür recherchierte der Zürcher Journalist Oliver Demont fast drei Jahre im Milieu seiner Heimatstadt. Erst nach einigem Zögern erklärt sich der 35-jährige Autor zum Gespräch bereit. Die Angst vor Missverständnissen ist gross. Das Buch rührt an zahlreichen Tabus, die in einer sich liberal gebenden Gesellschaft keine mehr sein dürften.

In „Männer kaufen" geht es nicht nur um die Lebensgeschichte der Escorts und den Alltag in dieser Szene. Das Buch erzählt auch von den seelischen Folgen der Prostitution – bei Strichern und Freiern. Eine Sozialstudie will „Männer kaufen" aber nicht sein. Es präsentiert sich als hochwertig ausgestatteter Reportage- und Porträtband mit schwärmerischen Bildern des Fotokünstlers Walter Pfeiffer. Sie zeigen verspielte, manchmal auch freizügige Porträts von jungen Männern, deren Körper käuflich sind.

BaZ: Ein ästhetisch gestaltetes Coffeetable Book über schwule Prostitution – wer ist die Zielgruppe für dieses Buch?

Oliver Demont: Die Idee ist eher zufällig entstanden. Irgendwie kam ich mit dem Verleger auf das Thema Stricher in Zürich, an welchen Orten sie verkehren und wo es besonders viele gibt. Uns war beiden sofort klar, dass das ein interessantes Thema ist. Und zwar für ein breites Publikum. Wir fanden es wichtig, unvoreingenommen an die Szene heranzugehen und nicht nur die üblichen Klischees von Elend und Drogen zu bedienen. Darum wurde Walter Pfeiffer angefragt, ob er die Bilder von den im Buch porträtierten Strichern macht. Dieses Zusammentreffen von Kunst und Journalismus war nicht immer ganz einfach: Wollte ich eine möglichst grosse Vielfalt der Szene abbilden, stand für ihn klar der künstlerische und ästhetische Zugang im Vodergrund, auch bei der Auswahl der Protagonisten.

War es schwierig, überhaupt Gesprächspartner zu finden? Sie porträtieren ja nicht nur Escorts, sondern auch Freier.

Das war extrem aufwendig. Zu Beginn meiner Arbeit konzentrierte ich mich nur auf die Stricher. Aber wenn man das Wechseslpiel der verschiedenen Akteure wirklich verstehen will, muss man das ganze Milieu sehen, und dazu gehören die Kunden. Viele Stricher waren bereit, von sich zu erzählen, aber nur ohne Bild. Zwar haben sie Profile mit Fotos in Internetportalen, manche haben sogar als Darsteller in Pornos mitgespielt. Aber als Stricher mit der eigenen Geschicthe in einem Buch vorzukommen, und dann auch noch mit Foto, wo man sie erkennnt, das war für viele ein absolutes No-Go. In den Gesprächen waren die Freier insgesammt interessanter. Sie sind älter, sodass auch eine gewisse Reflexion über das Thema möglich ist. Aber sie hatten es auch leichter, weil sie im Buch ja nicht gezeigt werden.

„Männer kaufen" porträtiert ein Dutzend Stricher. Etwa den 27-jährigen Tunesier Mehdi, dessen Vater Zuhälter war. „Was ist schon Liebe?", sagt er. „Liebe ist Luxus. Etwas für Schweizer." Seine Libido hält Mehdi mit Kokain aufrecht, so kann er auch mit einem Stammkunden nächtelang Sex haben, den er körperlich unattraktiv findet. Oder den 24-jährigen Polymechaniker Fabian aus dem Zürcher Unterland. Der hat die Ausstrahlung eines unverdorbenen Provinzjugendlichen und bedient nur Kunden aus den oberen Gesellschaftsschichten: „Ich bin Schweizer, zuvorkommend und anständig."

Dazwischen kommen Freier zu Wort. Etwa ein 58-jähriger Malermeister und Familienvater aus der Ostschweiz, der alle zwei Wochen nach Zürich fährt, um in einer Schwulensauna Stricher zu treffen. „Meine Frau weiss davon, es gab da einen dummen Zwischenfall." Er hat sie mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt. Ein 72-jähriger Psychiater sagt: „Sex will ich weiterhin – aber diejenigen, die ich altersmässig will, kriege ich nur gegen Geld."

Wo Menschen sich intim begegnen, kann ein gefühlsmässiger Kontakt nie ganz vermieden werden. Er ist es, der auf beiden Seiten Spuren hinterlässt. Die sachliche Herangehensweise von Demont lässt die Zwischentöne hervortreten. Seine Sicht ist unvoreingenommen, aber nicht ohne Haltung. Einen leichten Zynismus kann er nicht verbergen, wenn er etwa den Kunststudenten Urs in die Schwulenbar Caroussel begleitet, wo dieser ein bisschen Unterwelt tanken will, ohne sich selbst schmutzig zu machen. Über ihn schreibt Demont: „Einmal im Monat geht Urs dorthin. Er geht gerne dorthin, auch wenn er nicht genau weiss, warum, denn er kaufe sich da keine Körperlichkeit, wie er mir beteuert (er habe noch nie für Sex bezahlen müssen, noch nicht), schaffe nicht an (er habe Geld, seine Mutter unterrichte Biologie am Gymnasium und überweise ihm monatlich einen Betrag), und überhaupt sei in dieser Bar „alles Formgebende tiefe Nacht" (er studiere an der HGKZ, die heute Zürcher Hochschule der Künste heisst – was hier keine Bedeutung hat, aber Urs weist die Leute gerne auf diesen Namenswechsel hin)."

Hat die Recherche Ihre Sicht auf das Thema Prostitution verändert?

Ich glaube inzwischen, dass es klare, gesetzlich festgelegte Strukturen geben muss, die den Bereich „Schutz und Abgrenzung" regeln. Je mehr deine Grundbedürfnisse finanziell gedeckt sind, desto leichter fällt es, dich selbst abzugrenzen. Das heisst zum Beispiel, auch für mehr Geld nicht Sex ohne Gummi zu praktizieren. In das Thema spielen viele verschiedene Aspekte hinein: wirtschaftlich, ethisch, sozial. Auch Drogen und Ausländerfragen. Ein Stricher aus Brasilien, der mit einem dreimonatigen Touristenvisum kommt und danach bleibt, ist illegal. Wenn er von einem Freier misshandelt wird, geht er nicht zur Polizei. Er ist völlig ungeschützt und das wissen manche Freier auch.

Es gibt ja auch Stimmen, die ein vollständiges Verbot von Prostitution fordern, wie es etwa in Schweden praktiziert wird.

Ich finde, das ist extrem moralisch diskutiert, und darin liegt mir zu viel Selbstgerechtigkeit. Klar können wir hier im Kreis 4 sitzen, Espresso trinken und aus einer gesicherten Position heraus ein Prostitutionsverbot fordern. Die Frage ist nur: Was würde ein solches Verbot bringen? Ich befürworte viel mehr klar definierte Regeln. Es geht darum, dass ein Mensch, der sich prostituiert und dabei misshandelt wird, sich in einem gewissen Rahmen gegen solche Übergriffe wehren kann wie das in anderen Berufen auch der Fall ist.

Hier wird der sonst eher coole Gesprächspartner nachdrücklich. Und das ist ihm selbst unangenehm. Prostitution als Thema sei unsexy, sagt Oliver Demont. Das erlebe er in vielen Gesprächen. Sobald man eine andere Position als die der totalen Toleranz vertrete, gerate man in den Verdacht, prüde oder moralistisch zu sein. Aber das sei für ihn einfach nicht mehr der Punkt. Im Moment sei das ein vollkommen liberalisierter Markt, der viele Menschen gefährde.

Ganz hinten im Buch interviewen Sie den Psychiater David Garcia zu der Frage, welche seelische Auswirkung die Prostitution hat. Wozu diese Psychologisierung?

Tatsächlich wollte ich das Interview zuerst nicht machen, um das Thema nicht zu pathologisieren. Aber im Lauf der Recherche habe ich gemerkt, dass einige Mechanismen einfach näher betrachtet werden sollten. Zum Beispiel spielen in dieser Szene das Älterwerden und das Schwinden der körperliche Attraktivität eine grosse Rolle. Und auch die oftmals beidseitige Abhängigkeit zwischen Stricher und Freier. Und dazu war das Interview eine gute Möglichkeit.

Darin sagen Sie, dass Ihnen im Verlauf der Recherche klar wurde, dass Prostitution so problemlos gar nicht sei, wie Sie ursprünglich dachten. Was meinen Sie damit?

Ich habe keine moralischen Probleme mit dem Thema und finde es eher spannend, was die Stricher für einen Job machen. Die tauchen ja in ganz unterschiedliche Welten ein und müssen dort sehr spontan reagieren. Aber ich habe eben auch gemerkt, dass viele die Werkzeuge gar nicht haben, um emotional mit diesen Situationen klarzukommen. Das wird dann teilweise mit Drogen überdeckt oder sie werden depressiv. Dazu kommt die Erfahrung, aufgrund seiner sexuellen Orientierung abgewertet worden zu sein. Die haben sowohl schwule Stricher als auch Freier schon erlebt. Das sind Bereiche, die man normalerweise nicht anspricht, um nicht als Jammeri oder Kampfschwuler dazustehen. Im Kontext des Gesprächs mit dem Psychiater lassen sich diese Dinge hingegen thematisieren.

Arbeiten in der Prostitution also vorwiegend Leute, die seelische Probleme haben?

Für die Beteiligten war von Anfang an klar, dass es ein respektvolles Buch sein soll. Nicht schnoddrig und auch nicht voyeuristischer als nötig. Sondern ein stolzes, schönes Buch, das Personen würdigt, von denen man sonst nicht viel hört. Dazu sind einfach ein paar Spots auf Themen gerichtet, die in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen. Aber es war nie mein Ziel, eine einzige Wahrheit zu drechseln. Dafür sind die im Buch enthaltenen Realitäten zu vielfältig.

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