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Nr. 88, Der Himmel über Flüeli-Ranft –
Geburtstagsbesuch bei Bruder Klaus

Bref - Das Magazin der Reformierten, erschienen 6. Oktober 2017

Die Geschichte des Eremiten Bruder Klaus spielt vor über fünfhundert Jahren, noch vor der Reformation. Bis heute versuchen Menschen, darin Sinn und Belehrung zu finden, die auch für die heutige Zeit gelten können.

Ich habe von Bruder Klaus zum ersten Mal in der Primarschule gehört, in den 1980er Jahren im reformierten Basel. Nicht die Visionen und die Gottessuche standen im Mittelpunkt, wenn die Lehrerin erzählte. Vielmehr die Information, dass ein Einsiedler ein Mensch ist, der alleine und abgeschieden wohnt, damit er sich seinem Innenleben und Gott widmen kann. Wir nahmen es schulterzuckend zur Kenntnis. Man erfährt als Kind so vieles, das man nicht versteht. Warum nicht einer, der zwanzig Jahre allein im Tobel lebt, ständig betet und nichts mehr isst? Und jetzt, fast vierzig Jahre später, im Jahr seines 600. Geburtstags, soll ich Bruder Klaus zum ersten Mal in Flüeli-Ranft im Kanton Obwalden besuchen. In seine Klause gehen und herausfinden, ob er mir noch etwas sagen kann. Dieser Nationalheilige der Schweiz, der anders als etwa Tell historisch verbrieft ist und wirklich gelebt hat. „In Flüeli-Ranft ist alles noch wie damals“, sagt ein katholischer Bekannter mit leuchtenden Augen. „Es ist ganz still dort, ein Kraftort.“ Ich bin skeptisch. Stille und Spiritualität, damit kann ich etwas anfangen. Ich spreche gerne mit Gott, und wenn ich mich nicht zu sehr ablenken lasse, höre ich, was er sagt. Doch demonstrative Beseelung und offensiver Glaube, der kritische Fragen verstummen lässt, sind mir suspekt. Dass es Menschen gibt, die einem Hirten folgen wollen, als wären sie Schafe, ist mir unheimlich. Und dass es so viele Leute gibt, die über einen Mann aus dem Mittelalter sprechen und schreiben, als hätten sie ihn persönlich gekannt, das geht mir auf die Nerven. In diesem Feierjahr haben sich besonders viele zu Wort gemeldet: Heiligenverwalter nicht nur aus der Kirche, sondern auch aus der Politik.

Es ist eine Herausforderung, Bruder Klaus zu besuchen. Ich nehme sie an. Vom gottlosen Berlin, wo ich seit vielen Jahren lebe, reise ich ins katholische Obwalden, setze mich hinunter in den Ranft und schaue, was passiert. Die Schlucht, in den Berg gefräst von Milliarden Litern Wasser, ist nur wenige Schritte entfernt vom Dorf Flüeli, wo Niklaus geboren wurde. Der Weg hinunter ins Tobel ist einfach. Schwierig ist, dort zwischen all den Stimmen etwas Eigenes wahrzunehmen.

Von der Stille, die mein Bekannter erwähnt hat, merke ich nichts. Die Melchaa, ein Zufluss des Sarnersees, tost durch die enge Schlucht. Am Hang gegenüber bringen die Bauern gerade mit brüllenden Mähmaschinen das Heu ein. Wenn sie Pause machen, hört man die Grillen umso schriller. Die Einsiedlerklause steht am Eingang der Schlucht und sieht aus wie für einen Heimatfilm entworfen. Von 1467 bis zu seinem Tod am 21. März 1487 hat Niklaus von Flüe als Bruder Klaus hier gelebt. Das Hüttchen ist angebaut an eine schneeweisse Kapelle, beide teilen sich ein Giebeldach. Die Besucher kommen und gehen. Zum Glück sind nicht alle so zackig unterwegs wie der Pilger mit den Locken und dem Holzkreuz um den Hals. Mit weit ausschwingenden Wanderstöcken überholt er mich auf den letzten Metern. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er als erster die Zelle zu betreten gedenkt. Ich habe Zeit und lasse ihn vorbei.

Nach fünf, sechs Minuten kommt er wie ein Pfeil wieder aus der Klause geschossen und eilt weiter in Richtung der zweiten Kapelle, die sich ein Stück weiter unten im Ranft befindet. Später wird er im Sigristenhaus einen Pilgerstempel holen, als Nachweis für seinen Fleiß.

Ich stehe vor der Klause und spüre einen seltsamen Widerstand, hineinzugehen. Ein enger, dunkler Raum, in dem schon so viele Leute ihre Gefühle und Erwartungen abgeladen haben. Das Stiegenhaus ist dunkel. Ich steige hinauf zu einem viereckigen Kämmerchen aus uraltem Holz – die eigentliche Zelle. Licht kommt durch zwei winzige Fensterchen von draußen. An einer Wand steht eine schmale Bank, eher ein Brett, darauf ein kantiger Stein. Wieder sieht es aus wie auf einem Filmset. Ich bin ratlos. Was tut man an einem solchen Ort?

Forsch tritt ein Paar ein. Der Mann durchmisst den Raum mit drei, vier schweren Schritten, als ginge es um eine Wohnungsbesichtigung. Den Kopf muss er einziehen, die Decke ist nur 1,80 Meter hoch. Bruder Klaus selbst, der Sage nach 1,78 gross, soll das Haupt darin immer etwas gesenkt gehalten haben. Zögernd klettert die Frau über eine zweite Treppe hinab in den unteren Raum der Klause. Bis auf einen kleinen Ofen ist er leer und beklemmend stickig. Hastig kommt sie wieder hinauf. „Alles da, was du brauchst“, bilanziert der Mann dennoch. Beim Hinausgehen studieren beide die Dankestafeln im Stiegenhaus. Die meisten sind aus Holz und halten sich knapp. Danke für das Wunder. Danke für die Heilung. Dazwischen hängt der getippte Brief einer Familie, datiert von 1973. Gründlich wie in einem Versicherungsprotokoll schildern sie, wie ihrem Kind im Wohnzimmer der Fernseher auf den Kopf kippte und man mit dem schlimmsten rechnete. Das Schreiben rapportiert die Rettungsmaßnahmen der Ärzte und erklärt, dass das Kind schließlich durch eine Messe und die Fürbitte von Bruder Klaus geheilt werden konnte.

Der Gegensatz aus Nüchternheit und Wunderglaube wirkt bizarr. Trotzdem lässt er mich nicht los: Ist es wirklich ein Gegensatz? Auch ich setze auf Vernunft und bete doch manchmal in Not. Das letzte Mal, als ich mitten in der Nacht meinen ganzen Schlüsselbund in der U-Bahn-Station verlor und es erst auf dem Heimweg merkte. Panisch ging ich den Weg zurück und beschwor Gott, er möge mir helfen. Als ich am U-Bahn-Eingang verzweifelt stehen blieb, um zu überlegen, was ich jetzt tun sollte, fiel mein Blick auf ein Mäuerchen etwas abseits. Dort lag der Bund mit all meinen Schlüsseln. Jemand musste ihn gefunden und dorthin gelegt haben. Die Dankbarkeit, dass mein Gebet erhört worden war, trug mich noch tagelang. Oder war es das Adrenalin? In manchen Momenten wage ich es, mich auf Gott zu verlassen. Die Frage, ob dann Glaube, Aberglaube oder Psychologie wirken, ist mir ziemlich egal. Doch zu einem Mittler beten, einem Menschen, ihm einen Bitt- oder Dankesbrief schicken? Hätte Niklaus von Flüe diese ganze Dankbarkeit überhaupt interessiert?

Die Familie, in die er 1417 hineingeboren wurde, war angesehen, gottesfürchtig und privilegiert. Sie hatte eigenes, zinsfreies Land und musste niemandem den Zehnten entrichten. Auch Niklaus war Bauer, später dann Richter und Vertrauensmann der Pfarrei. Ein angesehener Mann in Obwalden, dem man sogar die Position des Landammans antrug. Dann der Bruch: Mit 48 Jahren legt er alle Ämter nieder. Eine quälende innere Unruhe soll ihn erfasst haben. Wenig später verlässt er seine Frau und seine zehn Kinder und zieht hinunter in die Schlucht.

Eine Gruppe Seniorinnen steigt in die Zelle. Eine nach der anderen folgen sie der Reiseführerin. Als die Hälfte drinnen ist, macht sich Unruhe breit. Nichts geht mehr. Von hinten drängt der Rest der Gruppe nach. „Ich sehe hier gar nichts“, meint eine. Keine der Damen hat daran gedacht, die Sonnenbrille abzunehmen. „Auf diesem Stein hat er den Kopf gelagert, das habe ich schon als Kind gelernt“, sagt eine andere, die direkt vor dem Bänklein zu stehen gekommen ist. Dann schüttelt sie ungläubig den Kopf: „Dass er dafür seine Familie verlassen hat!“

Für seine Zeit heiratete Niklaus von Flüe spät, mit fast 30 Jahren. Seine Frau Dorothee war 14 oder 15 Jahr alt. Fromm und von gutem Charakter soll sie gewesen sein. Katholische Kreise bemühen sich, dass auch sie – wie ihr Mann – heiliggesprochen wird. Eine Überlieferung besagt, dass die Eheleute sich sehr zugetan gewesen seien. Fast alles, was je über Bruder Klaus verfasst worden ist, stützt sich auf die wenigen bekannten Lebensdaten und auf ein paar Zeugnisse von Nachbarn und Zeitgenossen. Oder auf spätere Berichte von Menschen, die ihn ebenso wenig kannten wie wir heute. Dadurch wird Niklaus nicht greifbarer, im Gegenteil. Er vermischt sich immer mehr mit unseren Vorstellungen von ihm. Bis er komplett vereinnahmt ist.

Ich setze mich auf die Bank hinter der Klause und beobachte einen Mann, der am plätschernden Brunnen neben dem Sigristenhaus sitzt. Den Kopf hat er gesenkt, die Hände sind aneinandergelegt. Betet er? Nein. Er tippt an seinem Handy herum. Später kommen junge Paare, Familien in grellen Wanderjacken, Männer in altertümlichen Gilets und natürlich auch Nonnen. Je länger ich hier so sitze, desto vertrauter wird mir die Stimmung. Desto leichter kann ich mich von den unzähligen Berichten und Bildern lösen, die schon jemand von diesem Ort angefertigt hat.

Das, was Bruder Klaus von den Mysterien des Christentums kannte, hatte er im Gottesdienst und von Nachbarn gehört, vielleicht in der Kirche auf den Wandmalereien gesehen. In der Bibel gelesen hat er wahrscheinlich nie. Das war die Kunst weniger Kleriker und Mönche. Bereits in jungen Jahren soll Niklaus anders gewesen sein als seine Kameraden. Er habe regelmässig gefastet und „visionäre Ergriffenheit“ gezeigt. Es müssen strahlende Traumbilder gewesen sein, rätselhaft lichtdurchflutete Wahrnehmungen in einer Bergwelt, deren allumfassende Dunkelheit in der Nacht noch nicht durch Elektrizität gemildert wurde. Bruder Klaus habe das freie Beten praktiziert. Das war vor sechshundert Jahren noch nicht verbreitet. Fromm zu sein hiess in erster Linie, die Zehn Gebote zu befolgen und sich zur Kirche zu bekennen. Überliefert ist, dass die meisten Leute eher mechanisch beteten, mehr Lautbeschwörung als Zwiegespräch.

Als Einsiedler soll Niklaus von Flüe erschreckend ausgesehen haben. Das wird von Zeitzeugen berichtet. Ich stelle ihn mir vor wie eine der ausgezehrten Gestalten mit wirrem Blick, denen man heute manchmal in Großstädten begegnet. Wie es damals üblich war, zog er bereits als Heranwachsender mehrfach in den Krieg. So kämpfte er im Alten Zürichkrieg, an dem Obwalden seit 1443 beteiligt war, auf der Seite der Alten Eidgenossenschaft gegen Zürich. In dem Konflikt sollen die Eidgenossen einen neuen Maßstab an Brutalität und Grausamkeit gesetzt haben. Nicht nur auf den Schlachtfeldern, wo man einander mit Schwertern und Hellebarden die Köpfe abschlug. Auch die Zivilbevölkerung wurde nicht verschont, wenn die Eidgenossen über die Zürcher Gebiete herfielen. Niklaus von Flüe soll einer der Offiziere gewesen sein, die möglichst wenig Schaden anzurichten versuchten, berichtet später einer seiner Kameraden, der mit ihm im Krieg war. Und auch im Feld habe er sich, wann immer möglich, zum Beten zurückgezogen. Spurlos werden diese Jahre dennoch nicht an ihm vorbeigegangen sein. Er wird erlebt haben, wie es tönt, wenn Menschen in Todesangst rennen, vielleicht Frauen mit brennenden Haren aus den Häusern stürzen, einen schreienden Säugling auf dem Arm. Und er wird auch gewusst haben, wie verbranntes Menschenfleisch riecht.

Die Kämpfe des Alten Zürichkriegs endeten 1446. Ungefähr zu dieser Zeit heirateten Niklaus und Dorothee und bauten ein Haus in Flüeli, nur wenige Meter von da, wo heute der Weg hinunter in die Ranftschlucht führt. Das Haus wurde 1946, ein Jahr bevor Niklaus von Flüe heiliggesprochen wurde, so originalgetreu wie möglich rekonstruiert. Man betritt heute ein stabiles Chalet mit offener Küche und mehreren Stuben. Umgeben ist es von einer saftigen Matte. Wer sich dort umschaut, zu dem überwältigenden Panorama der Berge, den Fluhen, dem See und den Gärten im Sonnenlicht, sieht die Schweiz so, wie sie sich die Touristen aus der ganzen Welt und auch manche Schweizer erträumen. Keine Spur von Krieg und Verheerung. Hier oben war wohl immer Frieden.

Die Familie von Niklaus und Dorothee gedieht. Kind um Kind bekam das Paar, am Ende fünf Buben und fünf Mädchen. Als Niklaus mit Ende vierzig seine seelische Krise bekam, waren seine ältesten Söhne schon erwachsen. Der Vater nahm kaum noch am gemeinsamen Leben teil und saß auch nicht mehr dabei, wenn sich die Familie am Tisch versammelte. Die meiste Zeit fastete er und brütete vor sich hin. Nachts sei er im Haus herumgegeistert und habe laut gebetet, berichtete sein ältester Sohn. Einem Besucher erzählte Niklaus später in der Klause, dass ihm in jener Zeit sogar „die liebe Frau und die Gesellschaft der Kinder lästig“ waren. Zwei Jahre lang habe er mit sich und auch mit Dorothee um die Frage gerungen, wie es in seinem Leben weitergehen sollte. In dieser Zeit zeugten sie ein weiteres Kind. Im Sommer 1467 kam es zur Welt, drei Monate später zog Niklaus von Flüe los, um von nun an als Bruder Klaus zu pilgern. Eigenhändig habe Dorothee ihm das Gewand dafür genäht. Eine merkwürdige Einsamkeit liegt über dieser Erzählung. Loszuziehen und zu wissen, dass man nie mehr neben dem warmen Körper eines Menschen schlafen wird, ist keine kleine Sache. In einer Schrift heißt es, dass er noch als Einsiedler hin und wieder von den frühen glücklichen Ehejahren halluziniert habe.

Das Pilgern führte ihn über Umwege zurück auf seine Alp im Melchtal. Von dort sollen ihn vier Lichtstrahlen in die Ranftschlucht gelenkt haben. Und so stieg er wohl durch den wilden, steilen Wald hinab und bereitete sich sein Lager. Zuerst habe er sich selbst aus Zweigen und Ästen eine notdürftige Bleibe gebaut. Doch schon im folgenden Jahr kamen Freunde, errichteten ihm die stabilere Klause und bauten auch gleich noch die Kapelle dran. Die Sage vom ehemaligen Amtsmann, der nun als Einsiedler im Tobel lebte, verbreitete sich rasch. Gegen Ende seines Lebens herrschte ein solcher Andrang, dass der Landamman von Obwalden sich genötigt sah, die Anzahl Besucher zu beschränken, damit der Eremit gelegentlich auch noch seine Ruhe hatte.

Was die Menschen an Bruder Klaus besonders interessierte, war das Fasten. Absolut gar keine Nahrung und auch kein Wasser soll der Einsiedler zu sich genommen haben. Irgendwie feinstofflich soll der Geist des Abendmahls, wenn es in der Kapelle zelebriert wurde, in ihn übergegangen sein und ihn am Leben erhalten haben. Manche witterten Betrug. Einen ganzen Monat lang wurden Wächter in der Schlucht postiert, um sicherzustellen, dass niemand Niklaus heimlich mit Essen versorgte. Nach eineinhalb Jahren, im Frühling 1469, kam schließlich der Weihbischof von Konstanz, um Bruder Klausens Kapelle zu weihen. Bei dieser Gelegenheit wurde auch gleich noch die Sache mit dem Wunderfasten geklärt: Der Bischof legte ihm ein in drei Teile gebrochenes Stück Brot hin. Er forderte den Fastenden auf, das Brot zu essen. Daraufhin handelte Bruder Klaus ihn auf ein Stück herunter, das er nochmal in drei kleinere Teile zerzupfte. Dann würgte er, so geht die Sage, mit einem winzigen Schluck Wein mühevoll nur ein Stück herunter. Der Bischof bestätigte das Wunderfasten. Die Verwaltung des Wunders konnte beginnen.

Beziehen sich heutige Politiker auf Niklaus von Flüe, dann meist im Zusammenhang mit dem Stanser Verkommnis 1481. Fast wäre damals ein Bürgerkrieg zwischen den Acht Orten der Alten Eidgenossenschaft ausgebrochen. Nach außen hatte man sich in den Burgunderkriegen als unverbrüchliche und unbesiegbare Einheit bewiesen. Doch als es darum ging, ein politisches Gleichgewicht im Innern zu finden, zeigte sich, wie groß das gegenseitige Misstrauen war. Bei einer Tagsatzung in Stans suchte man einen Kompromiss für die unterschiedlichen Interessen. Die fünftägige Versammlung wurde ergebnislos abgebrochen. In derselben Nacht soll der Pfarrer von Stans, ein Freund von Niklaus, zu ihm in den Ranft geeilt sein, um nach Rat zu fragen. Mit der Antwort kehrte er am nächsten Morgen zurück, und nach einer Stunde war die Einigung gefunden. Sie stärkte die Loyalität der Orte zueinander und schuf ein Gleichgewicht zwischen Stadt und Land. Der konkrete Ratschlag ist nicht überliefert. Man kann sich aber vorstellen, was ein Ratgeber wie Niklaus, der sich mit politischer Machbarkeit auskannte, dem Frieden zugetan und von Parteien, Seilschaften und deren Interessen unabhängig war, wohl geraten hat. Es ist nicht verwunderlich, dass er von gewissen Kreisen als Retter der Alten und neuen Eidgenossenschaft stilisiert wird und manche ihm sogar die besondere Stellung der heutigen Schweiz in Europa verdanken wollen. Das Geheimnis von Niklaus von Flüe ist, dass jeder in ihm etwas lesen kann. Die Schrift, mit der Zeitzeugen sein Dasein beschrieben, ist verblasst. Er selbst ist dadurch zum unbeschriebenen Blatt geworden. Betrachten wir es, treten uns unsere eigenen Vorstellungen gestochen scharf entgegen. Wer von Niklaus von Flüe und seinem Wirken spricht, spricht immer auch von sich selbst.

nhaltender Hunger verändert das Bewusstsein stark. Wenn es zu schlimm wird, fällt man in einen Dämmerschlaf oder eine leichte Ohnmacht. Und man fängt an zu halluzinieren. Auch Epilepsie und manche Formen der Migräne bringen seltsame Visionen hervor. Zacken, Lichtblitze, verstörende Sinneswahrnehmungen und manchmal ein Gefühl, nicht mehr man selbst zu sein. Nach drei Tagen im Ranft wird mir klar, wie durchdringend einsam Niklaus von Flüe gewesen sein muss. Die Dunkelheit im Tobel, die Kälte im Winter, die ganzen Schatten, vielleicht auch das Ringen nach Gott, erscheinen mir derart bedrückend, dass auch auf der lieblichen Landschaft eine Düsternis liegt. Menschen, die in den Krieg zogen, geplündert und gebrandschatzt haben, tragen an der Seele häufig Schäden davon. Diese zeigen sich in Bildern, die sie im Traum verfolgen, Erinnerungsfetzen, die sie mitten am Tag überfallen. Visionen, die manchmal wiederkehren. Heute nennen wir diese Erscheinungen posttraumatische Belastungsstörung. Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass es sie bereits im Mittelalter gab. Ob auch Bruder Klaus daran litt, kann niemand sagen.

Ich sitze wieder auf dem Bänklein hinter der Klause. Dieser Ort, den schon von so vielen Augen gesehen, von so vielen Füssen betreten und mit so vielen Gefühlen und Gebeten aufgeladen wurde. Hier, fast in der geografischen Mitte der Schweiz, befindet sich der Einstieg in eine andere Sphäre. Die Sphäre des Glaubens und der Imagination. Die Klause hat Niklaus von Flüe nie betreten. Sie wurde zweihundertsechs Jahre nach seinem Tod an alter Stelle neu gebaut. Es ist eine Inszenierung für Besucher, für Gäste und Pilger. Das nimmt den Druck raus. Ich muss die Gegenwart von Bruder Klaus hier nicht fühlen. Er hat mit diesem Häuschen nur den Namen gemein. Das einzige, was noch so ist, wie es Niklaus von Flüe tatsächlich erlebt haben könnte, ist der Himmel. Das strahlende Dunkelblau des Hochsommers, die dramatisch von hinten beleuchteten Wolkenbüschel, die der Wind immer wieder über die Bergspitzen bläst.

Ganz am Ende, am letzten Abend vor meiner Abreise, erfuhr ich dann doch noch etwas in diesem merkwürdigen Häuschen. Als in der Kapelle die Zeit für das Abendgeläut kam, fragte der Sigrist eine junge Spanierin, die sich ehrfürchtig umsah, ob sie mit ihm zusammen am Glockenseil ziehen wolle. Rasch überwand sie ihre Scheu. Heute sei ihr Geburtstag, das sei ein schönes Geschenk. Stürmischer als sonst hallte der helle Ton durchs Tobel, als sie die Glocke bis zum Anschlag zogen.

Später, inzwischen war es kühl in der Schlucht, der Sigrist war zurück in seinem Haus und auch die Spanierin verschwunden, wollte ich ein letztes Mal der Zelle einen Besuch abstatten. Erst als ich schon fast in der holzigen Kammer stand, sah ich die beiden Gestalten, die im Halbdunkel unbeweglich auf der kargen Bank saßen, jede an einem Ende und völlig in sich versunken. Eine ungeheure Konzentration füllte den Raum und hielt mich an der Tür zurück. Die beiden schienen sich hier auszukennen, sie wirkten nicht befangen und waren wohl weder Pilger noch Touristen. Vor allem aber schienen sie, anders als die meisten anderen hier, nicht gekommen zu sein, um etwas von Niklaus von Flüe zu holen. Einen Gefallen, einen Stempel, einen Eindruck fürs Fotoalbum. Sie saßen da wie zwei Menschen, die gekommen sind, um etwas von sich zu bringen. Ihre Präsenz, ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, ihre Kraft, vielleicht auch ihre Müdigkeit, ihre Sehnsucht, ihre Schwere oder ihren Traum. Zwei Menschen, vielleicht Bewohner aus der Umgebung, die still auf diesem Holz saßen, jeder in seinem eigenen Raum, und die sich offenbar der Mühe aussetzten, das Rauschen, das uns innen und außen ständig umgibt, herunterzudimmen, bis das Hirn schweigt und der Geist sich öffnen kann. Nicht mit unendlich viel wortreicher Verehrung, Interpretationen, Zugriffen bis hinein ins von Flüesche Ehebett. Sondern mit Ruhe, Konzentration und Gegenwärtigkeit. Mit einem Raum für eine andere, vielleicht göttliche Stimme.

Vielleicht war es genau das, wonach sich der Einsiedler am meisten gesehnt hatte, als er in das Tobel zog, weg von der Familie, von der Gemeinde, von der Welt, in der alle ständig nach ihm griffen. Jemandem seine Konzentration und seine ungeteilte Gegenwart mitbringen und einfach mit ihm sitzen. So leise wie möglich ging ich hinaus und machte mich auf den Weg zurück nach Hause. Jemandem die eigene Stille mitzubringen. Während ich durch die Schlucht nach oben stieg, erschien mir das auf einmal als das kostbarste, vortrefflichste Geschenk überhaupt, das man einem anderen machen kann.

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Reportage
Religion
Schweiz
Spiritualität
Bruder Klaus

Nr. 89, Grüezi, merci, exgüse -
Was hat die Schweizer Höflichkeit mit Identität zu tun?

Psychoscope, erschienen 30. Oktober 2017

Gerade an den oft unbewusst praktizierten Normen und Nuancen im alltäglichen Leben kann sich das facettenreiche Spektrum einer verbindenden Schweizer Mentalität deutlich ausdrücken.

Gestern habe ich es wieder getan. Ich habe mich bei meiner Nachbarin entschuldigt. Obwohl sie mich gestört hat. Sie wollte plaudern und unterbrach mich bei der Arbeit. Als ich ein paar Minuten mit ihr sprach, läutete das Telefon. An der Nummer erkannte ich ein wichtiges Geschäftsgespräch. Dem Anrufer teilte ich sachlich mit, dass ich in zehn Minuten zurückrufe. Bei der Nachbarin aber, die – natürlich ohne böse Absicht – mitten am Tag hereingeplatzt war, entschuldigte ich mich. Weil ich während ihrer Anwesenheit das Telefon in meiner Wohnung, die auch mein Arbeitsort ist, abgenommen habe. Seit zwanzig Jahren lebe ich im ruppigen, geradlinigen Berlin. Doch noch immer entschuldige ich mich fast automatisch, wenn mich jemand auf der Straße anrempelt. Wenn die Bedienung meinen Kaffee in der Tasse überschwappen lässt. Wenn ich zur Arbeitszeit dringende Anrufe entgegennehme, obwohl jemand mit mir über Nebensächliches plaudern möchte. Dieses Verhalten ist in meiner Identität verwurzelt. Inzwischen weiß ich das. Dass ich eine Schweizer Identität habe, spüre ich allerdings erst, seitdem ich im Ausland lebe. Sie zeigt sich in bestimmten, scheinbar nebensächlichen Verhaltensweisen. Immer dann, wenn Impulse ins Spiel kommen. Wenn mir jemand zu nahe rückt, räumlich oder zeitlich, sage ich eine defensive Entschuldigungsformel. Wie ich es schon als Kind in der Schweiz meiner Umgebung abgeschaut habe. „Sei nicht wieder so schweizerisch“, sagt ein deutscher Freund, wenn er mich dabei erwischt. Das mit dem Entschuldigen leuchtet ihm einfach nicht ein. Ich muss es ihm erklären.

Schweizer entschuldigen sich extrem häufig und selbstverständlich. Doch unser „Exgüsé“, „Pardon“ oder „Sorry“ ist nicht unterwürfig. Es ist offensiv. Manchmal sogar aggressiv. Aber das erkennt man nur, wenn man es weiß. Wir sagen es, wenn uns jemand beim Vorbeilaufen im Regen den Schirm fast ins Auge stößt. Wenn sich jemand allzu offensichtlich vordrängen will. Eigentlich bedeutet es „Pass gefälligst auf!“ Doch so direkt agiert man im Schweizer Alltag sehr selten, schon gar nicht mit Fremden. Man bedankt sich lieber einmal zu viel. Entschuldigt sich einmal zu oft. Und grüßt auf jeden Fall, auf dem Land auch Fremde. Grüezi, Merci, Exgüsé. Diese Distanz schaffenden Formeln sind zentrale Pfeiler des schweizerischen Kommunikationsverhaltens. Sie dienen der Vermeidung offener Konflikte. Und sind damit ein höchst effizientes, in vielen Nuancen anwendbares Werkzeug.

Die Schweiz ist seit jeher ein kleines Land ohne König. Ein Land, das seine Stabilität halten konnte, weil es sich vor Jahrhunderten für Deeskalation entschieden hat. Ein Land, dessen Bewohner selbst dafür sorgen müssen, dass man das bequeme Leben nicht gefährdet, indem man einander, vielleicht aus einem zornigen Impuls heraus, an die Gurgel geht. Das lässt sich auf Dauer nur praktizieren, wenn man einander gegenseitig ununterbrochen von seiner Friedfertigkeit überzeugt. Die Höflichkeit der Schweizerinnen und Schweizer ist nicht primär tief empfundene Freundlichkeit. Sie ist Ausdruck davon, dass man den Konsens der Friedfertigkeit akzeptiert. Das seit Jahrhunderten erfolgreiche – und friedliche - Zusammenleben so viel verschiedener Gruppen und Mentalitäten auf so engem Raum erfordert von den Einzelnen Anpassung, Impulskontrolle und die Bereitschaft, Abstand zu halten. Das „Grüezi“, das bis heute auf Wanderwegen entboten oder in Dörfern erwartet wird, ist darum viel mehr als eine Floskel. Es ist eine vorsorglich abgegebene Versicherung. Man ist bereit, dem anderen gegenüber friedlich zu bleiben. Und man setzt dasselbe bei ihm voraus. Schweizerinnen und Schweizer sind nicht per se friedfertiger oder konfliktscheuer als Personen aus anderen Ländern. Sie haben nur auffallend wenig Interesse daran, zu viel Energie mit unnötigen Eskalationen zu vergeuden. Die Schweizer Höflichkeitsformeln sind eine über Generationen trainierte Strategie, auf engem Raum Stabilität zu bewahren und gleichzeitig einen hohen Individualismus zu ermöglichen. Sie hat die Mentalität tief geprägt. Sie ist zu einem Teil der Identität geworden.

Schweizer sind Individualisten. Zu einem Bund haben sie sich im Mittelalter zusammengeschlossen, um sich nach außen besser abgrenzen zu können. Nicht weil sie den Wunsch hatten, näher zusammenzurücken. Zur Schweizer Vorstellung von sich selbst gehört, dass man Freiraum braucht. Raum, wo man sich nicht an andere anpassen muss. Weil dieser Raum im Außen konkret fehlt, wird er im Innern geschaffen. Das gelingt, indem man zu möglichst vielen Menschen auf höfliche Distanz geht. Im politischen „Kantönligeist“ ist der Drang nach Abgrenzung immer noch so spürbar wie in dem Bedürfnis, in seiner Freizeit möglichst unter seinesgleichen zu bleiben. Dass die Anpassung und die ständige Defensive dennoch nicht selbstverständlich sind, sondern die Einzelnen anstrengen und erschöpfen, bemerkt man etwa am Topos des „Dichtestress“, der in den politischen Diskurs eingeflossen ist. Das Bild der heutzutage immer öfter überfüllten Züge und Trams ist zum Symbol dafür geworden, dass man sich im Alltag bedrängt und, je nach politischer Sichtweise sogar verdrängt fühlt. Freiheit ist, es gar nicht erst zum Streit kommen lassen zu müssen. Mittel zu haben, um denen auszuweichen, die einen zu sehr anstacheln würden. Und darauf zählen zu können, dass die anderen die gleichen Strategien verwenden. Dass man nach denselben Regeln spielt.

Doch auch in einer sich auf diese Weise selbst regulierenden Gesellschaft brechen Konflikte auf. Man benötigt Modelle, um diese rasch lösen zu können. Wenn eine Sache nicht durch innere Distanzierung, durch höfliches Wegignorieren, gelöst werden kann, muss sie auf möglichst direktem Weg sachlich geklärt werden. Die Politik ist von diesem Modell ebenso geformt wie das Privatleben. Die Techniken der direkten Demokratie prägen in der Schweiz auch den Alltag. Alle sagen, was sie zu einer Sache sagen müssen. Dann wird abgestimmt. Und dann kommt der eigentliche Trick: Danach ist die Diskussion für gewöhnlich beendet. Daran beißen sich meine deutschen Bekannten bei mir immer wieder die Zähne aus. Auch hier wird im Alltag manchmal über Sachfragen diskutiert und dann abgestimmt. Welche Farbe der Fußboden im gemeinsam renovierten Arbeitsraum haben soll. Ob das Café in der Gartenkolonie auch für Nicht-Mitglieder zugänglich sein soll. Egal, ob mir ein Resultat gefällt – wenn die Mehrheit entschieden hat, investiere ich keine Energie mehr in eine Frage und bin auch kaum noch für Seilschaften zu gewinnen. Während meine hiesigen Freunde sich gerne in erbitterten Diskussionen weiter aufreiben, als hätte es nie einen Entscheid gegeben. Und wenn es nur darum geht, wo die Weihnachtsfeier des Sportvereins stattfinden soll.

Zur eidgenössischen Selbstbezichtigung gehört es manchmal, einander aufgrund der überaffirmativen Höflichkeit, der vorauseilenden Anpassungsbereitschaft, der Streitverweigerung für „Bünzli“, für Spiesser, zu halten. Doch das trifft es nicht. Es zeigt allenfalls, dass diese Konfliktvermeidungsmuster oft im Unbewussten verankert sind. Dass man sie zwar praktiziert, darin aber nicht die sinnvolle Strategie erkennt. Sondern eine Überanpassung, für die man sich selbst verachtet.

Es hat viele Jahre im Ausland gebraucht, bis mir klar wurde, dass meine manchmal demonstrative Überhöflichkeit, ein Hang zur sachlichen Konfliktlösung und auch das aggressive Entschuldigen mehr sind als nur persönliche Gewohnheiten. Je deutlicher die Personen meiner neuen Umwelt ihr Unverständnis darüber formulierten, desto klarer wurde mir, dass ich – bei aller Anpassung in jedem anderen Bereich – diese Strategien nicht aufgeben kann und will. Weil sie mich unter Druck stärken. Weil in ihnen mein Selbstbild verwurzelt ist. Hochdeutsch spreche ich akzentfrei. Im Beruf kann ich verhandeln wie eine Deutsche. Die in meiner neuen Heimat herrschende Tradition, um Punkt vier Uhr Kaffee und Kuchen konsumieren zu müssen, habe ich trotz völligem Unverständnis widerstandslos übernommen. Doch wenn Impulse ins Spiel kommen, bleibe ich ich selbst. Mehrheiten dürfen mich überstimmen. Wenn mich jemand stört, drücke ich meinen Unmut mit einer Entschuldigung aus. Grüezi, Merci, Exgüsé. Und wenn einer, der beim Bäcker vor mir dran ist, die Verkäuferin nicht grüßt und dann auch noch sagt „ich kriege drei Brötchen“, dann fühle ich mich persönlich angegriffen. Dann würde ich ihm an einem schlechten Tag immer noch am liebsten mit einem schweizerischen „Pardon“ beiläufig meine Handtasche in den Rücken rammen. Dann habe ich für Stunden schlechte Laune. Können die deutschen Freunde wieder absolut nicht verstehen. Doch ich kann nicht anders. Wenn jemand unhöflich ist, beginnt für mich der offene Konflikt. Das ist so in der Schweiz. Und damit ist es nun mal meine Identität. Sorry.

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Essay
Schweizer Mentalität
Berlin
Alltag
Feuilleton

Nr. 90, Haralds Garten Eden –
Harald Glööckler spricht mit Jesus

Bref – Das Magazin der Reformierten, erschienen 17. November 2017

Der Modedesigner Harald Glööckler erhielt von der deutschen Bibelgesellschaft den Auftrag, einen Schuber für die neue Lutherbibel zu kreieren. Glööckler tat, wie ihm befohlen, und setzte sich gleich selbst aufs Cover. Man wolle mit dieser Bibel „mitten ins Leben hinein“, sagte der Verlagssprecher. Zu Besuch mitten im Leben des frommen Harald Glööckler.

Die Villa, in der Harald Glööckler wohnt, ist kompakt und proper wie ein Schatzkästchen. Doch wer diesen Mann wirklich verstehen will, muss wissen, wie sein Garten aussieht. Der Garten ist gross und in zwei Hälften unterteilt. Der Teil hinter dem Haus besteht aus einer wohlgenährten Rasenfläche, umkränzt von liebevoll gepflegten Rosenbeeten und alten Apfel- und Nussbäumen. Im hintersten Winkel, versteckt an der Mauer zum Nachbarsgarten, blüht eine Azalee. Hier hat sich einer ein Paradies erschaffen.

Die andere Hälfte liegt vor dem Haus. Auch sie ist üppig und von hohen Hecken umschlossen. Doch sonst hat die Natur hier nichts zu suchen. Der Vorgarten ist vollständig mit Kunststoffrasen ausgelegt. Und eng bevölkert von Statuen kecker Jünglinge, Engeln sowie einer Muttergottes. Die Unterwasserbeleuchtung eines auf exakt 34 Grad beheizten Freiluftpools wirft ihr Licht auf die Szenerie. Plastik und Lebenswärme, Nachbildung und Echtheit. Das sind nicht nur die Pole dieses Anwesens. Es sind die Extreme des Menschen Harald Glööckler, wie man ihn aus Fernsehen und Klatschmagazinen kennt. Genau: der Blitzlichtpromi mit den aufgespritzten Lippen. Und ja, auch der, der sich bei einer Aktion der deutschen Bibelgesellschaft gleich selbst auf den Schuber der Lutherbibel 2017 gesetzt hat. Der grelle Egozentriker mit dem schwäbischen Tonfall, der von einer evangelischen Gemeinde in Deutschland mit der Aufgabe betraut wurde, durch Zeugnis seines Glaubens Menschen zur Kirche zu ziehen, die aus freien Stücken nur wenig Zeit mit Gott verbringen. Der Narzisst mit den lackierten Fingernägeln, der vielleicht bald auch noch Kirchenfenster in Dresden gestalten soll. Der Sohn eines gewalttätigen Alkoholikers, der in seinem Leben ziemlich viel Grund gehabt hätte, vom Glauben abzufallen.

Bekannt wurde Harald Glööckler in den neunziger Jahren als Modeschöpfer. Allerdings nicht die windhundmageren Geschöpfe der Haute Couture trugen seine Kollektionen. Glööcklers Entwürfe waren fast immer gutmütig geräumig geschnitten und oft mit Glitzer ausgestattet. Beachtung fanden sie zunächst vor allem an gut patinierten Diven wie Gina Lollobrigida, Chaka Khan oder Brigitte Nielsen. Diese waren Glööcklers erste Musen und brachten ihm die Aufmerksamkeit der Unterhaltungspresse. Sie und seine immer krasseren Gesichtsstraffungen, Aufpolsterungen und Botoxexzesse, die ihn zu einem gefundenen Fressen für die Öffentlichkeit machten. Jahrelang pries Glööckler seine preisgünstigen Kollektionen in einem deutschen Verkaufsfernsehsehnder an. Sein Slogan: „Jede Frau ist eine Prinzessin“. Unter seinem Label „Pompöös“ wurde vom Parfum bis zum Fertighaus seither wohl alles feilgeboten, was sich irgendwie mit dem Markenzeichen des goldenen Krönchens verzieren lässt. Es hat Glööckler, mit heute 52 Jahren, die finanzielle Unabhängigkeit gebracht.

Und so sitzt er nun im kleinen Salon seiner Schatzkästchenvilla, umgeben von brokatenen Tapeten und Selbstporträts. Die Haushälterin trägt selbstgebackenen Kuchen auf. Glööcklers fixiertes Gesicht ist auch jetzt praller, als von der Natur vorgesehen, und der pechschwarze Bart sieht aus wie aufgepinselt. Doch die Augen wirken anders als bei der letzten Begegnung im hektischen Berlin, wo er fünfzehn Jahre lang lebte. Seit zwei Jahren ist sein Zuhause in der pfälzischen Provinz, mitten im Dorf; der Kirchturm ist vom Garten aus zu sehen. Er scheint gesammelt und aufmerksam wie lange nicht mehr. Das sei kein falscher Eindruck, sagt er. Da, wo er in seinem Leben jetzt stehe, fühle er sich befreit. „Ich glaube, es war auch Gottes Fügung, dass ich hierher musste.“ Das Südliche liege ihm, die Grosszügigkeit der Pfälzer. „Die sind ein ausgeglichenes Völkchen, denen geht es gut. Die sind nicht futterneidisch.“ Das wird ihm mit den Jahren wichtiger. Er mag nicht mehr ständig um Anerkennung kämpfen. Und er benötigt immer mehr Ruhe für seine wohl von Natur aus aufgeregten Nerven. Eine Eigenschaft, die ihn in Berlin oft an seine Grenzen brachte.

2016 fragte die deutsche Bibelgesellschaft Harald Glööckler an, ob er Lust habe, als einer von zwölf Prominenten für die anlässlich des Reformationsjubiläums neu überarbeitete Lutherbibel einen Schmuckschuber zu gestalten. Glööckler schickte seinen Entwurf. „Da passierte erstmal gar nichts.“ Der Vorschlag sei zu extrem gewesen, mutmaßte er. Eine Computercollage, auf der er zusammen mit seinem Hund in einem Paradiesgarten steht. Nach fünf Wochen dann die Antwort. Glööckler kichert. „Man habe mit der evangelischen Kirche gesprochen. Es sei ja nicht angedacht, dass eine Person sich so selber auf den Schmuckschuber stellt, und auch noch mitsamt Hund. Aber irngedwie fänden sie es in meinem Fall passend.“

Aufgewachsen ist Harald Glööckler, damals noch mit einem ö, in Baden-Württemberg. Erzogen wurde er evangelisch. Die Kirche war dieses schattige Gebäude, das außerhalb der Gottesdienste immer verschlossen blieb und wo innen quälende Dinge zu sehen waren. „Ich habe mich gefragt, warum man Jesus immer am Kreuz darstellen muss. Das ist doch furchtbar! Wieso nicht segnend? Wieso muss da immer das Kreuz hängen? Man hängt doch zuhause auch kein Bild auf von einem Verwandten, der erschossen worden ist und im Blut liegt!“ Grausamkeit sah Glööckler daheim viel. Der Vater, Wirt des Gasthauses am Ort, misshandelte die Mutter. Als Harald Glööckler dreizehn war, soll die Mutter nach einem Streit mit dem Vater eine Treppe hinuntergestürzt und kurz danach an den Verletzungen gestorben sein. Das erzählte Glööckler früher einige Male in Interviews. Heute möchte er dazu nichts mehr sagen. „Ich hasste ihn so sehr, dass ich ihm den Tod wünschte“, heißt es in Glööcklers Buch „Der Modeprinz“ von 2001. „Kein Wort würde ich mehr mit ihm wechseln. Eisiges Schweigen sollte über uns liegen, bis dass der Tod uns scheidet.“

Mit sechzehn zog Glöckler in eine benachbarte Kleinstadt und machte eine Lehre als Modeverkäufer. Aus den folgenden Jahren gibt es viele Fotos, auf deinen ein noch pausbäckiger, noch ganz naturbelassener junger Mann mit engen Hosen und glitzerndem Divenschmuck wohl den Grundstein zu dem legte, was man heute als Bild von ihm kennt. Ein Teenager mit Lust am Verkleiden. Samt existentiellem Drang, seine Umgebung nach seinem Geschmack zu formen. Und zwar so, dass nur das darin Platz hat, was er auch hereingebeten hat. „Natürlich hat es mir am Anfang zu schaffen gemacht, wenn man mir auf der Straße „Schwule Sau“ nachgeschrieben hat“, sagt er. Doch es hat ihn nicht gestoppt. Was die Person Harald Glööckler geformt haben dürfte, ist einerseits wohl das, wofür er sich schämte. Und andererseits das, wofür er sich nicht schämte. Er schämte sich nie dafür, dass er sich nun mal als Paradiesvogel am besten gefiel. Er schämte sich auch nicht dafür, dass er sich immer schon zu Männern hingezogen fühlte. „Das war mir schon mit sechs Jahren klar, und ich dachte, na ja, dann ist das so.“ Das, wofür sich Harald Glööckler schämte, war viel schlimmer. Er schämte sich für sein eigenes Fleisch. Die Gene, die ihn mit seinem Vater verbanden. „Ich schämte mich, von einem Menschen wie ihm gezeugt worden zu sein, und hätte es eine Chance der Natur gegeben, diesen Vorgang wieder rückgängig zu machen, ich hätte sie ergriffen“, heißt es in „Der Modeprinz“. Die Eingriffe an seinem Gesicht fingen an, als die glatte Jugendlichkeit nachzulassen drohte. Doch es ging wohl nicht nur um die Falten selbst. Es ging auch darum, dass Glööckler nicht eines Morgens in den Spiegel gucken und dort seinen Vater sehen wollte. Das hatte er in einer Fernsehtalkshow gesagt. Die hämischen Kommentare im Internet kümmern ihn nicht. „Dass die Leute das nicht verstehen, ist egal. Es ist mein Leben.“ Was ihn in Rage bringt, ist die Selbstgefälligkeit dahinter. Die Wohlanständigen, die sich lieber die Mäuler zerreißen, als hinter die Fassade zu schauen. Ihren Dünkel hat er schon als Kind kennengelernt. „Die hat es nicht interessiert, ob mein Vater meine Mutter schlägt und totschlägt. Die Kirche hat zugeschaut, die Gesellschaft hat zugeschaut. Die haben jedes Recht verwirkt, über mich zu urteilen. Alle! Das war meine Meinung!“

Die alte Holztreppe im Haus knarrt, Glööcklers schwarzweißer Zwergspaniel Billy King gibt heiser Laut. „Ah, der Herr Schroth“, sagt Glööckler. So nennt er vor Besuchern seinen Lebensgefährten Dieter Schroth. Seit dreißig Jahren leben die beiden zusammen. Schroth ist ein weißhaariger, massiver Mann mit felsernem Realitätssinn und sanftem Herzen, ein paar Jahre älter als Glööckler. In seinem ersten Leben war Schroth Profifußballer, Familienvater und später Textilkaufmann. Dann kam die Scheidung mitsamt Verlust des Vermögens sowie das Eingeständnis gegenüber sich selbst, schwul zu sein – und damit der Zusammenbruch. In einer Diskothek in Mannheim traf er Harald, damals Verkäufer in einem Modehaus. Der Blitz schlug ein. Doch Schroth scheute. „Ich hatte so viele Probleme, die Scheidung, Depressionen, ich war keine gute Partie.“ Glööckler fühlte sich zu dem höflichen, freundlichen Mann, der in jeder Hinsicht das Gegenteil seines Vaters war, hingezogen. Er überzeugte ihn, einen gemeinsamen Weg einzuschlagen. Die beiden lebten in einer Art Patchworkfamilie: Am Wochenende kamen Schroths Töchter, die vom Freund ihres Vaters begeistert waren. Glööckler, mit der Disziplin und dem Ordnungssinn einer schwäbischen Hausfrau ausgestattet, passte auf, dass die Kinder sich ordentlich die Zähne putzten, bevor sie schlafen gingen. Gemeinsam betrieben die beiden Männer eine Jeans-Boutique in Stuttgart. 1990 gründeten sie ihre eigene Modemarke. Zur Jahrtausendwende zog die Firma nach Berlin, um dort den Sprung an den deutschen Modehimmel zu schaffen. Das Problem: Mit Opulenz wusste die schroffe Hauptstadt noch nie etwas anzufangen. Zwar brachten es die beiden zu einer Boutique an der berühmten Friedrichstraße und zu einem Penthouse mit Blick aufs Brandenburger Tor. Auch die Boulevardpresse liebte Glööckler – doch die ersehnte Anerkennung der Modewelt blieb aus. Als er und Schroth sich gerade entschieden hatten, im benachbarten, edleren Potsdam ein Grundstück zu kaufen und dort einen Landsitz zu bauen, entdeckte Harald Glööckler bei einem nächtlichen Zug durchs Internet die Villa an der Weinstraße, nicht weit von da, wo Dieter Schroths Töchter leben. Der Abschied aus Preussen war besiegelt, die zweite Karriere von Harald Glööckler begann.

Lange hat er sich von der Kirche ferngehalten. Christlicher Glaube, das war für ihn die Kargheit einer Schuld, die seiner barocken Seele einfach nicht schmeckte. „Dieser Jesus, der für einen gestorben ist und wo man furchtbar dankbar sein muss, der ging nicht an mich. Ich hatte niemanden gebeten, dass man für mich einen Mann für zweitausend Jahre ans Kreuz nagelt, für meine Sünden. Dieses Schlechtes-Gewissen-Machen, das war nicht mein Ding.“ Stattdessen beschäftigte Glööckler sich mit Buddhismus und besuchte Wahrsagerinnen. „Doch kurz nach meinem dreißigsten Geburtstag kam Jesus irgendwann mal auf mich zu und sagte: „Mach es mir nicht zum Vorwurf, dass ich so dargestellt werde. Das ist auch nicht mein Wille. Ich habe nicht gesagt, die sollen mich an das Kreuz da ranhängen.“ Und dann war da plötzlich so eine Wärme, dann hab ich Zugang bekommen.“ Jetzt spricht Glööckler wie ein Freikirchen-Pastor von seinem Bekehrungserlebnis. „Jesus hat eine wahnsinnige Energie. Die strahlt aus dem Herzen, da kommt eine Power, die sofort alles reinigt und erstrahlen lässt.“ Glööckler unterhält sich mit Jesus ganz zwanglos. „Ich wusste immer, mit ihm kann man über alles sprechen. Mit dem kann man auch darüber sprechen, ob man rote Schuhe anziehen soll oder nicht. Warum auch nicht? Soll ich nur mit ihm reden, wenn ich Probleme habe?“

Als Motto für seinen Bibelschuber hat Glööckler ein Bibelwort aus dem Matthäusevangelium gewählt: „Du erntest, wo du nicht gesät hast, und du sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast.“ Die Fülle war immer ein Thema für ihn. Dass für ihn gesorgt wird, auch in unsicheren Zeiten, von denen es in all den Jahren ziemlich viele gab. „Wir glauben zu Unrecht, dass wir auf uns alleine gestellt sind und um alles kämpfen müssen. Dem ist aber nicht so: Wer glaubt, bekommt. Immer wieder. Gott ist Reichtum, der Glaube ist Reichtum.“ In Zukunft möchte er zunehmend als Redner und Motivationssprecher auftreten, sagt Glööckler. Wie genau das gehen soll, ist ihm noch nicht ganz klar. Doch irgendwas wird sich schon ergeben. Grundvertrauen, auch Gottvertrauen, hatte er schon immer, sagt er. Dadurch hat er überhaupt erst überlebt.

„Trägt Jesus rote Schuhe von Prada?“ war der Titel der ersten Predigt von Harald Glööckler. 2017 war er von der Evangelischen Andreasgemeinde im hessischen Niederhöchstadt angefragt worden, ob er im Rahmen einer speziellen Gottesdienstreihe über seinen Glauben sprechen wolle – in einem Multiplex-Kinosaal und zusammen mit Popmusikern und einem leicht bekleidet tanzenden Sänger. „Die Idee ist, einen Gottesdienst für Menschen anzubieten, die mit Gott, Glaube und Gemeinde sonst nicht viel am Hut haben“, schreibt der Veranstalter. Dieser, ein 1958 in Lausanne geborener Deutscher namens Klaus Douglass, ist heute als Persönlichkeitstrainer und Vortragsredner unterwegs. In den neunziger Jahren predigte er als Gemeindepfarrer in der Frankfurter Agglomerationsgemeinde – wie viele seiner Kollegen vor halbleeren Kirchenbänken. Beeindruckt von einer vitalen evangelikalen Gemeinde, die er in Chicago kennengelernt hatte, ersann Douglass das für Deutschland neuartige Gottesdienstkonzept mit den Showelementen. „Wir glauben, dass diese Menschen eine tiefe Sehnsucht nach Gott haben, auch wenn ihnen das nicht bewusst ist. Diese Sehnsucht versuchen wir behutsam freizulegen, indem wir uns in diesen Gottesdiensten und auch sonst in der Gemeinde radikal auf die Kultur der Menschen in unserem Umfeld einlassen.“ Oft sei es nämlich die „ihnen fremde kirchliche Kultur“, die die Menschen daran hindert, einen konventionellen Gottesdienst zu besuchen, schreibt Douglass. Das passt perfekt zu Glööckler. Der hatte als Kind, wenn die sonntägliche Predigt gar nicht enden wollte, in Gedanken den Kirchenraum umdekoriert und dem Chor modischere Gewänder verpasst. Zur ersten Glööckler-Predigt kamen um die fünfhundert Leute. Das Publikum, das keinen Sitz mehr fand, drängelte in den Gängen.

Harald Glööckler steht der Kirche bis heute kritisch gegenüber. Und das beruht durchaus auf Gegenseitigkeit: Für manchen Protestanten dürfte Glööckler mit seiner rasend assoziierenden, unorthodoxen Spiritualität, den manchmal flapsigen theologischen Thesen und der exzessiven Selbststilisierung eher eine Schreckensgestalt sein. Glööckler ist das herzlich egal. „Wir brauchen keine Kirche, die uns verurteilt und bevormundet. Wir brauchen eine Kirche, die uns stützt, wenn wir wanken. Die uns aufhebt, wenn wir gefallen sind. Die uns zu essen gibt, wenn wir hungrig sind, und die uns tröstet, wenn wir traurig sind. Alles andere brauchen wir nicht. Für meinen Glauben brauche ich keinen Dolmetscher. Wir haben einen direkten Draht zu Gott.“ Und doch bedeutet ihm die Anerkennung der Institution mehr, als er gerne zugibt. Er sei „ein besonderer Botschafter des Evangeliums von Gottes Liebe und seiner Gnade und Großzügigkeit“, schrieb ihm ein Vertreter der deutschen Bibelgesellschaft nach der Präsentation seines Bibelschubers. Glööckler lässt es sich nicht nehmen, das Loblied eigenhändig aus seinem Büro hervorzukramen und vollständig vorzulesen. „Also die meinen es ernst, die Engel und die Mutter Gottes, die haben jetzt ihre Kavallerie angeschoben.“ Und vor kurzem hat sogar eine katholische Pfarrei angefragt, ob er nicht auch mal für sie predigen will.

Es wird Abend in der Pfalz. Herr Schroth sitzt auf einer Bank mit Blick auf den Pool im Schatten. Billy King kläfft in unregelmäßigen Abständen, als gälte es, Feinde abzuwehren. Die Haushälterin wuselt im Hintergrund. Die Holzdielen knarren. Jeden Morgen um sechs Uhr setzt sich Glööckler in den hinteren Teil seines Gartens und meditiert. „Ich frage meinen Baum: „Was meinst, ich will heute das und das machen, ist das gut oder soll ich das lieber lassen, weil das eine kleine Geschichte ist und vielleicht nicht so erfolgreich?“ Da sagt der große Walnussbaum zum mir: „Guck mich an, mach ich mir Gedanken, ob der eine Ast da oben verkräppelt ist, ob der klein ist, ob der groß ist? Ich strebe nach oben, wachse in alle Richtungen, und am Ende bin ich deshalb so ein großer Baum, weil auch die kleine Zweige dran sind.“ Also habe ich meine Antwort bekommen.“ Für viele Menschen liegen Weisheit und spirituelle Reife am Ende eines langen Weges. Harald Glööckler tänzelt dafür vom Plastikrasen über den Echtrasen zu seinem alten, weisen Nussbaum – und wieder zurück. Seine Welt muss man nicht schätzen. Doch es ist möglich, sie zu verstehen. Es mag dabei helfen, wenn man weiß, wie es in seinem Garten aussieht.

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